Episode III: Litauen

2. August. Ankunft der Fähre in Klaipeda, Litauen. Ich darf ausnahmsweise aus Wikipedia zitieren, denn besser und kürzer kann ich es auch nicht ausdrücken:

Klaipeda: Die vielfältige Vergangenheit – von der Zeit des Deutschordensstaats über Preußen, das Deutsche Reich, das Memelland, Litauen und die Sowjetunion – war und ist noch heute prägendes Merkmal dieses wichtigsten litauischen Ostseehafens, ebenso wie die zentrale Lage im Baltikum.

Quelle: Wikipedia

Diese Einschätzung bestätigt sich, wenn man mit der Fähre nach Klaipeda einfährt: ehe man an der eigentlichen Anlegestelle ankommt, durchfährt man mehrere Kilometer Hafenanlagen mit Lagerhallen, Rohstoffhalden, Silos, Kränen, Güterzugwaggons, Containern, Lastwagen, Docks, Schiffen und all dem, was man eben für eine funktionierende Wirtschaft benötigt.

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Von Klaipeda aus verkehrt eine kleine Fähre zur kurischen Nehrung, das auch UNESCO-Welterbe ist. Von einer Minute auf die andere sind wir in einer anderen Welt.
Die Straße führt 50 km durch Wälder, die künstlich aufgeforstet wurden, um die Wanderdünen halbwegs zu fixieren. Es geht wegen der Dünen auf und ab bis nach Nida. Die kleinen, rostroten Holzhäuser erinnern sehr an Skandinavien, sie sind oft mit hübschen Holzverzierungen verschönert.

3. August. Nida ist ein quirliger kleiner Urlaubsort, vor allem für Litauer. Am Hafen bekommt man landestypisch Sushi und Hamburger. Es gibt auch ein paar gute und günstige Fisch-Restaurants. Die Stimmung ist gut, bis tief in die Nacht wird zu Achtzigerjahre-Hits laut mitgesungen.

Der Porsche sorgt hier für mittleres Aufsehen. Es wird gefachsimpelt, Fotos gemacht, Fragen gestellt und Erfahrungen ausgetauscht. Viele haben etwas Interessantes zu erzählen. Leider verliert er ein paar Tropfen Öl. Von der Menge her ist das nicht relevant, aber es sieht nicht gut aus und verdreckt die Umwelt. Habe jetzt einen Lappen untergelegt.

Heute sind wir über und rund um die große Parnidis-Düne gewandert, haben eine riesengroße Sonnenuhr bestaunt und Jean-Paul Sartre getroffen.

Am Nachmittag an den Strand und rein in die Ostsee! Kleiner Spaziergang am Strand entlang bis zur Grenze nach Russland. Ist hier das freie Europa zu Ende? Der Strand jenseits der Grenze sieht selbstverständlich genauso aus wie auf litauischer Seite. Ich finde es wirklich schade, dass wir unsere Route um Kaliningrad herum planen mussten, denn das Oblast Kaliningrad gehört genau so zum Kulturraum Ostsee wie St. Petersburg auch. Und wo wir gerade dabei sind: In einer „Unstrophe“ eines relativ bekannten deutschen Liedgut heißt es „…von der Maas bis an die Memel…“. Hier sind wir an der Memel – der Deutsche Name von Klaipeda lautet „Memel“. Wie absurd ist der Gedanke, dass ein Staat glaubt, er könne die Souveränität eines anderen Staates durch Macht- oder Gebietsansprüche einschränken. Hier ist Litauen, nicht Russland oder gar Deutschland. Die Lösung: Europa. Europa löst nicht die Nationalstaaten ab, sondern bietet eine “Meta-Ebene“ der Zusammenarbeit. Auf unserer Reise wurden bisher unsere Pässe nicht einmal von Behörden kontrolliert. Wir reisen frei, wohin wir wollen, sind dort Gäste und genießen es. Ähnliches gilt natürlich auch für Industrie, Handel und die davon profitierenden Wirtschaftszweige wie zum Beispiel Transport und Logistik. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa führt im optimalen Fall zu allgemeinem Vermögenszuwachs, welcher wiederum auch zum Reisen benutzt wird; ein Kreislauf. Auch wenn ich diese Zusammenhänge etwas vereinfacht dargestellt habe, so glaube ich doch fest an ihre prinzipielle Richtigkeit.

4. August. Thomas Mann verbrachte Anfang der 1930er Jahre vor seiner Emigration mehrere Sommer in Nida oder auf Deutsch Nidden. Er ließ ein Sommerhaus bauen, welches aufwendig renoviert wurde und inzwischen als Museum dient. Es liegt traumhaft schön, etwa 15m über dem kurischen Haff, mit einem wunderbaren Blick nach Osten. Ich zitiere aus einer Rede, die er vor dem Münchner Rotary-Club im Dezember 1931 gehalten hat (mein Vater war zu dem Zeitpunkt knapp zwei Jahre alt, aber bestimmt wäre er gerne dabeigewesen):

Viele sandige Dünenwege führen zum Meer. Bevor man den windschiefen Wald am Meer erreicht, geht man auf einer Höhe circa 50m und hat dann schon auf halben Wege das Meer vor Augen. Weit breitet es sich vor einem aus. Jeden Tag hat es ein anderes Gesicht. Bei Sturm ist es schwarz mit grünen Kämmen, wie im Märchen vom Fischer un sine Fru. Geht man weiter durch den windschiefen Wald, kommt man in ein bewachsenes Dünengelände und ist dann endlich am Strand an der Ostsee, einer Ostsee, wie ich sie noch gar nicht kannte. Sie ist vollkommen offen nach Westen bis nach Schweden hinüber und stark wie an der Nordsee ist die Brandung bei Westwind. Die Brandung ist von eigenartiger Großartigkeit. Auch hier haben Meer und Strand einen primitiven, elementaren Charakter. Ich denke zuweilen, dass das Meer, das Hochgebirge im Schnee und die Wüste eine Kategorie von Naturerscheinungen für sich ist. Wer nicht den nötigen Respekt vor dem Meer hat, kann leicht zu Schaden kommen. Die Wellen haben selbst nahe am Strand noch eine Kraft, dass man glaubt, Löwenpranken schlügen auf die Schultern. Im Sog ist schon mancher zu Schaden gekommen.

aus Thomas Mann “Mein Sommerhaus“ , Faltblatt, herausgegeben von Thomas-Mann-Museum Nida, Litauen, www.mann.lt

Bisher haben wir hier nur Traumwetter, deshalb kann ich Manns schöne Worte über Löwenpranken nicht direkt bestätigen. aber man kann sich gut vorstellen, dass es zu anderen Jahreszeiten anders aussehen kann, als im warmen Sommer. Jedenfalls bereitet der Besuch dieses netten kleinen Museums eine große Freude!

Den Rest des Tages haben wir dann vor unserem Häuschen gesessen und Heidelbeeren genascht, dabei uralte Reggae-Musik gehört und gelesen. Stefi ist leider etwas erkältet (Autozug?).

PS: Dann zum Sonnenuntergang doch noch mal an den Strand gegangen. Nette Atmosphäre, coole Musik,…

Soweit unser viel zu kurzer Besuch in Litauen. Morgen geht es weiter nach Riga.

Zum ersten Artikel dieses Blogs: https://projekt912.cordes-netzwerk.de/baltic-grand-tour-2022/

8 Antworten auf „Episode III: Litauen“

  1. Liebe Stefi, lieber Tilly,
    Ich komme jetzt erst dazu, zu schauen… so tolle Fotos!! Ich wünsche Euch einen erholsamen Urlaub, ich schaue Euch gerne zu!
    Herzlichen Gruß auch von Kim und kommt gesund wieder
    Jörg

  2. Ich danke euch für die Begegnungen mit Sartre, Mann … und dem europäischen Gedanken . Bin durch die Beschreibungen und Fotos mental auf der schönen Reise dabei! Herzliche Grüße von Susanne

  3. Lieber Tillmann und liebe Steffi,

    das sind ja sehr schöne Bilder von einer sehr schönen Gegend, gar nicht gut bekannt bei uns.

    Alles Gute weiterhin für euch und schöne Reise

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