Episode V – Estland, 3. Teil: Hiiumaa

11. August: Bevor wir mit der Fähre nach Hiiumaa übersetzen, machen wir noch einen kleinen Abstecher an die Westküste und in ein Freilicht-Museum über eine Farm aus dem 19. Jahrhundert. Wir begegnen nur wenigen Menschen; im Museum sind wir ganz alleine. Ich habe bereits vorher über den estnischen Autor Jaan Kroos berichtet. Sein Buch über den „Verrückten des Zaren“ spielt in dieser Zeit, sodass man sich gut vorstellen kann, wie die Bauern damals gelebt haben.

Jetzt geht es, wieder mit der Fähre, zur Insel Hiiumaa.

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Es folgt ein kleiner Exkurs zur digitalen Sebstverständlichkeit. Ich habe die Fähre gestern abend online gebucht, und mir ist der folgende Gedanke gekommen: In deutschen Medien kann man oft lesen, wie groß der Vorsprung der Digitalisierung in den baltischen Ländern ist. Nach fast zwei Wochen in dieser Region kann ich dazu nur sagen: Stimmt genau! Sei es eine Restaurant-Reservierung, Tickets für die Fähre, Hotelbuchungen, bezahlen im Supermarkt, was auch immer: höchstens drei Klicks und fertig. Das Ticket selber muss man in den meisten Fällen gar nicht mehr vorzeigen, da beide Parteien, Anbieter und Kunde, Bescheid wissen.

Das Kennzeichen wird beim Fahren auf die Fähre digital erfasst, mit der Buchung online abgeglichen und die Schranke öffnet sich. Im Restaurant wird man mit einer handgeschriebenen Karte „Welcome Tillmann“ empfangen. Anmeldeinformationen im WLAN sind nicht notwendig, da fast alle Access Points offen sind (eine gut funktionierende Firewall ist allerdings sinnvoll!).

So wirkt Digitalisierung, wie ich es mir optimalerweise vorstelle: ein Mittel, das auf Dauer fast unsichtbar ist, zum Zweck, der da lautet, schnell und möglichst unkompliziert, komplexere Transaktionen und Aufgaben auszuführen. Und das klappt hier mit einer Selbstverständlichkeit, die beeindruckend ist, wenn man es mit den entsprechenden Vorgängen in Deutschland vergleicht.

Ich darf als Beispiel anführen, dass in Deutschland über Wochen hinweg im Supermarkt nicht mit EC Karte bezahlt werden konnte, weil das zentrale System einen Bug bei einem Update hatte. Oder das Desaster mit der digitalen Gesundheitskarte. Oder das ca. 200km lange digitale Funkloch entlang der ICE Strecke und der A5 zwischen Basel und Karlsruhe. Oder der kollektive Serverzusammenbruch fast aller Schulserver Deutschlands zu Beginn des Corona-Lockdowns. Soeben lese ich aus der Ferne den nebenstehenden Artikel der Badischen Zeitung. Da schmeißt ein Busfahrer mitten in der Nacht ein junges Mädchen aus dem Bus, weil sie kein Bargeld sondern nur eine Karte hatte. Digitales Neandertal. Im Norden Europas braucht man eigentlich kein Portemonnaie mehr, nur noch ein Smartphone oder eine Smartwatch. Der einzige Nachteil ist, dass man dann kaum noch Kleingeld in der Tasche hat, welches man mal eben als Trinkgeld oder Ähnliches ausgeben kann. Finde ich das gut? Auf jeden Fall ist es einfacher, schneller, komfortabler und funktioniert besser. Exkurs Ende.

Jetzt aber zu Hiiumaa: wer meint, Saaremaa sei leer und einsam, war noch nicht in Hiiumaa: die zweitgrößte Insel Estlands ist kaum besiedelt – und hat genau deswegen seinen besonderen Charme. Weil der Boden ziemlich karg ist, wächst hier neben Fichten und Kiefern auch Wacholder (Juniper, Kranewitter). Insgesamt sind 60% der Insel bewaldet. Im Nordosten von Hiiumaa habe ich etwas naiv ein „Guesthouse“ mit Meerblick gebucht. Gelandet sind wir in „Suur Sadama“, dem großen Hafen. Der war allerdings im 19. Jahrhundert groß und vielleicht noch zur Sowjetzeit. Jetzt ist hier außer zwei Fischerbooten vor allem ein Schrottplatz für alte Schiffsteile. Unser Guesthouse „Ungru“ ist einwandfrei mit einem guten Restaurant, aber die Umgebung ist ein bisschen „lost places“, was jedoch durchaus seinen Reiz hat.

Blick aus unserem Hotel

12. August: Heute versuchen wir mal, einen Wanderweg zu finden. Der Nachteil an diesen wunderschönen einsamen Inseln ist, dass oft die Wanderwege nicht so ausgebaut sind, wie man es vielleicht aus den Alpen oder dem Schwarzwald kennt. Ganz im Westen der Insel sind wir dann fündig geworden und haben eine schöne Runde um den Leuchtturm „Ristna Tultorn“ gedreht. Am Strand geht es los, über ein Militärgelände aus dem ersten Weltkrieg, und durch die Wacholderwälder zurück.

Morgen geht es zurück aufs Festland und weiter nach Tallinn.

Zum ersten Artikel dieses Blogs: https://projekt912.cordes-netzwerk.de/baltic-grand-tour-2022/

2 Antworten auf „Episode V – Estland, 3. Teil: Hiiumaa“

  1. Vor knapp zwanzig Jahren habe ich von Helsinki kommend einen (wunderschönen) Tag in Tallinn verbracht. Ich war damals schon beeindruckt, wie weit und in wieviel Lebensbereichen die IT wie selbstverständlich (und vernünftig) genutzt wurde. Und das war noch vor dem Zeitalter der Smartphones! Damals ging es um Kreditkarten, EC-Karten, E-Mail, SMS usw….. und es funktionierte sehr gut!

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